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Mein Gedankenregal

Donnerstag, 22. Februar 2018 - 08:43 Uhr
Das Hören – eine aussterbende Fähigkeit

Ich habe bereits mehrfach beklagt, dass wir uns in einer unglaublich lauten Umgebung befinden. Damit meine ich nicht in erster Linie die physikalische Lautstärke im Sinne von Straßen- oder Baulärm, sondern die virtuelle Lautstärke all dessen, was aus Medien und Netzwerken auf uns einprasselt. Unser Staat ist zu einer Vogelnest-Demokratie verkommen, denn es herrscht nur noch der Wettbewerb, wer den Schnabel am weitesten aufreißen kann. Wer nicht lauter ist als alle anderen, findet kein Gehör. Dadurch schaukelt sich die Lautstärke immer weiter hoch.
Eine Wortfeldübung zum Thema Hören: Hinhören, Zuhören, Aufhören, Anhören – sind das nicht allesamt aussterbende Fähigkeiten? Und damit meine ich nicht nur die erschreckende Beobachtung, dass kaum noch ein Sechstklässler einen klanglichen Unterschied zwischen einem Dur- und einem Molldreiklang wahrnimmt. Ich meine auch die „virtuelle“ Fähigkeit zu hören.
Wenn man in sozialen Netzwerken unterwegs ist, passiert einem regelmäßig Folgendes: Man fragt beispielsweise nach den Erfahrungen mit einem bestimmten Automodell. Was man bekommt, sind keine Antworten auf die Frage, sondern eine Grundsatzdiskussion darüber, ob Autofahren heute noch verantwortbar ist. Man fragt nach einem Rezept für einen Rinderbraten und erntet einen hitzigen Shitstorm, weil man es wagt, heute noch Fleisch zu essen. Ich persönlich habe mehrfach Kompositionen dezidiert für einfache Verhältnisse veröffentlicht und musste mir das Entgegenschlagen offenen Hohns gefallen lassen, ob ich als promovierter A-Musiker wohl zu nichts Besserem in der Lage sei.
Hört eigentlich irgendjemand noch zu, oder sind wir alle nur noch mit Brüllen beschäftigt? Sind wir nur noch in einer Gesellschaft von Alphatieren, die im ständigen Kampfmodus Territorium zu verteidigen suchen?
Wenn ich in meinen Oberstufenkursen Buchtexte laut vorlesen lasse, dann erlebe ich ein ähnliches Phänomen: Es wird sinnentstellend zurechtgelesen, was das Zeug hält. Reihenweise lesen die Jugendlichen das, was ihrem Gehirn spontan am sinnvollsten erscheint, aber nicht das, was da steht. Einfachste Aufgabenstellungen werden nicht mehr verstanden. Hat das vielleicht auch mit mangelndem Hören zu tun?
Hören ist eine zutiefst emotionale und empathische Fähigkeit. Wer hört, lässt sich auf sein Gegenüber ein, stellt sich selbst erst einmal zurück. Ich kann nicht hören und gleichzeitig selber quatschen. Wer hört, gar zuhört, öffnet sich für die Stimme, also auch die Stimmung, seines Gegenübers. Wer liest, muss auch hören, und sei es nur innerlich. Was sagt mir der Text? Wie höre ich das, was ich da lese?
Ich fürchte, wir werden zu einer Gesellschaft von Gehörlosen. Die Flut der Menschen, die in die Stille fliehen, spricht eine deutliche Sprache. Dennoch ist auch das paradoxes Verhalten, denn sollen nicht all die Seminare und Einkehrzeiten uns wieder fit machen für das Gebrüll unserer Alltagshektik?
Was uns fehlt, ist eine neue Kultur des Hörens. Ich verstehe John Cage mit seiner Suche nach dem Klang der Stille immer besser. Wer gut hören kann, kann gut differenzieren. Wer gut hören kann, hört Zwischentöne. Wer gut hören kann, hört nicht nur mit dem Ohr, sondern auch mit dem Herzen. Das Hören ist also die Grundlage für ein soziales Miteinander.
Doch wer sollte die Kultur des Hörens „unters Volk“ bringen? Natürlich die Schulen, klar, ausgerechnet dort, wo Stille als Schwäche wahrgenommen wird. Die Kirchen? Vielleicht. Vor allem aber sind es die Elternhäuser, wobei nicht wenige Familien selbst an der mangelnden Fähigkeit (aufeinander) zu hören zerbrechen.
Ich bin gespannt, wie sich das Hören bei uns weiterentwickelt.

Dienstag, 20. Februar 2018 - 19:04 Uhr
Warum ich (keine) Musik mag. Eine autotherapeutische Nabelschau

Ärzte oder Apotheker, die sich abfällig über das Sujet ihres Berufes äußern, machen sich unglaubwürdig. Wieso behandelt man Patienten, wenn man selbst nicht an die Möglichkeit eines Erfolges glaubt? Wieso verkauft man Medikamente, wenn man ohnehin alle Pharmazeutika für Schwachsinn hält?

In diesem Paradoxon bewege ich mich seit nunmehr dreißig Jahren. Ich gebe zu, dass ich schon immer sehr selten in Konzerte gehe, und wenn, dann kaum mit Gewinn. In meinem Umfeld ernte ich dafür seit jeher Kopfschütteln. Zu Recht. Ein Musiker, der sich nicht für Musik interessiert? Viele Jahre lang habe ich gedacht, es läge daran, dass ich entweder frustriert oder verärgert aus den Konzerten herauskomme: Frustriert, weil die Künstler um Welten besser sind als ich, oder verärgert, weil die Aufführung so unglaublich schlecht war. Ich gebe ohne Umschweife zu, dass mir dadurch ein großes Maß an Kenntnissen der musikalischen Literatur entgangen ist. Fahrlässig und unverantwortlich. Bin ich ein Kollegenschwein, arrogant, eitel – oder einfach mittlerweile seit so vielen Jahren dem akustischen Overkill ausgesetzt, dass ich froh bin, einfach mal NICHTS zu hören?

Sicher: Bei einer 6 ½-Tage-Arbeitswoche, ständig lärmenden Klassen und dem pausenlosen virtuellen Gekläffe, das uns aus den asozialen Medien umgibt, sind stille Stunden ein Luxus geworden. Und wenn ich endlich mal keinen Termin habe, gehe ich nicht auch noch freiwillig irgendwo hin.

Trotzdem reicht das nicht als Erklärung. Jahrzehntelang stand ich vor einem Rätsel. Allmählich beginnt es aber, mir zu dämmern. Ich habe offensichtlich eine unbewusste Erwartungshaltung an musikalische Darbietungen, die mit den gängigen Maßstäben nicht kompatibel ist: Ich möchte eine Beziehung mit dem oder den Menschen auf der Bühne – wenigstens für die Dauer des Auftritts.

Ich erlebe Konzerte mit stehenden Ovationen, die mich völlig kalt lassen. Technisch beneidenswert, vielleicht auch ausdrucksstark und toll gestaltet. Und dennoch an mir vorbei musiziert. Ein Fehler? Und wenn, wessen?

Vielleicht ist es auch die gegen mich selbst gerichtete Milde des zunehmenden Alters, die es mir ermöglicht, mir einzugestehen, vieles nicht zu können und auch nicht (mehr) können zu müssen, und andererseits zu ertragen, vieles erst nach langem Üben wieder reanimieren zu können. Das gibt die Gelassenheit, damit klarzukommen, dass andere eben einfach besser sind, ohne dass ich deswegen keinerlei künstlerische Existenzberechtigung mehr hätte.

Und doch geht es noch weiter. Ich erwarte, dass mir Künstler eine Geschichte erzählen. Dass sie sich mir offenbaren. Und zwar in ihrem Sein, ihrem Wesen, ihrem innersten Selbst. Wer mit den Mitteln seiner Virtuosität eine Maske um sich herum aufsetzt, wird zwar mich nie erreichen – aber halt eben so viele andere – den „Markt“. Und davon müssen Künstler leben. Ich habe seit rund dreißig Jahren den starken Eindruck, dass es in unserem Konzertbetrieb nicht mehr um Kreativität und Originalität, sondern um Brillanz und virtuose Perfektion geht. Angeblich verlangt das der Markt – wer auch immer das genau ist. Und mit der seit den achtziger Jahren grassierenden „Authentizität“ des Klangs ist auch nichts anderes als die historisch informierte Aufführungspraxis gemeint und eben gerade nicht die Authentizität des Künstlers.

Ich aber möchte nicht die tausendste einfach nur perfekte Version des Hummelflugs, irgendeiner Beethoven-Sonate oder einer Orgelsinfonie hören. Was ich will, ist tiefgründige Authentizität. Ich möchte Künstler erleben, die mir mit ihrer Musik von ihrer Seele berichten, von ihrem Leben, von den Narben, vom Überwundenen, vom Verletzten. Ich möchte dort oben Menschen stehen sehen und hören, die ihr Bestes geben, aber eben nicht noch mehr. Im schmalen Spalt zwischen dem Perfekten und dem Bestmöglichen findet nämlich das Leben statt.

Und damit sind wir irgendwann bei Inspiration und künstlerischer Reife angekommen. Was ist das eigentlich? Wörtlich übersetzt ist Inspiration nichts anderes als Begeisterung, mit dem griechischen „Enthousiasmos“ verwandt. Es muss sich also um eine Form völliger Hingabe handeln, die buchstäbliche „Be-geist(er)ung“ ermöglicht, also offensichtlich um eine „Veredelung“ menschlicher Interpretation durch quasi „eingeladene“ positive äußere Kräfte, die der technischen Vollstreckung von Notentext eine einmalige und unwiederholbare „Note“ geben – welch Wortwitz!

Jeder, der schon des Öfteren auf der Bühne gestanden hat, weiß, dass das Publikum – die „Saalatmosphäre“ – einen großen Anteil am Gelingen eines Konzertes hat. Ich bin persönlich auch der Auffassung, dass man Instrumenten abspüren kann, mit wieviel Liebe und Hingabe, sprich: Herzblut, sie gebaut wurden. Alles Humbug? Oder einfach eine sensitive Fähigkeit, die eben nunmal das Künstlertum ausmacht?

Ich möchte durch die Musik den Menschen nahe kommen – egal, ob ich nun auf der Bühne oder im Publikum bin. Ich verstehe Musik als Medium einer Botschaft. Mir persönlich geht es dabei immer auch darum, von mir zu erzählen: Von tiefen Gefühlen wie Freude oder Verzweiflung, Nachdenklichkeit und Resignation, Sehnsucht und Verheißung, Enttäuschung und Hoffnung – und von der Erlösung, womit wir wieder bei der Freude wären.
Ja, Entschuldigung, lieber Rest der Welt, ich bin Christ. Tut mir auch nicht leid. Und ich habe viele Dinge mit Gott erlebt. Auch davon möchte ich erzählen mit meiner Musik. Und wenn in der Musik, die ich zu hören bekomme, diese Dimension fehlt, fehlt mir etwas. Das ist kein objektives Defizit der Interpreten, sondern ein subjektiv empfundenes. Ich will dabei gar nicht missionieren, sondern einfach nur erzählen, nur bekennen, berichten, Zeugnis ablegen. In der Musik. Das gelingt nicht immer, aber doch relativ oft. Aber ich bin eben leider nicht perfekt, sondern im besten Fall so gut wie möglich. Diese Spalte ist bei mir das Schlupfloch für den Heiligen Geist, meine Inspirationsquelle. Das aber hat heute auf „dem Markt“ – wer ist das? – offensichtlich keine Chance.

Ja, ich gestehe, dass ich seit einiger Zeit dennoch immer häufiger in Konzerte gehe, gerade auch mit meinen Kindern. Und sogar mit Gewinn, auch wenn meist bezüglich letzterer Dimension ein Vakuum oder zumindest ein Fragezeichen bleibt. Meine Maßstäbe sind und bleiben eben andere als „normal“. Deswegen vielleicht begegne ich der Musik skeptisch, reserviert.

Bleibt zum Abschluss der fragende Gedanke, wieso wir im Studium immer nur über Kompositionen und deren Interpretationen gesprochen haben – aber irgendwie nie über Musik. Vielleicht wissen die Professoren aber selbst nicht, was Musik ist und was sie ausmacht, und umgehen das Thema lieber.

Es ist wie so oft im Leben: Dort, wo es anfangen könnte, interessant und spannend zu werden, hört man auf. Aber vielleicht ist das auch eine Variante des "Bestmöglichen".

Dienstag, 7. März 2017 - 19:25 Uhr
Dummheit, Intelligenz und Weisheit

Dummheit ist leider unabhängig vom Bildungsgrad. Die Dummen haben gar nicht die intellektuellen Möglichkeiten, wirklich große Dummheiten zu begehen - es sei denn, sie nutzen einen Computer. Die größten Dummheiten wurden nicht von wirklich Dummen, sondern von Unweisen gemacht. Ob Intellektualität wirklich die Kombination aus Intelligenz und Weisheit ist, weiß ich noch nicht. Mir scheint, es gebe noch eine Weisheit, die ebenfalls relativ unabhängig vom Bildungsgrad ist - im Gegensatz zur Intellektualität.

Montag, 16. Januar 2017 - 20:34 Uhr
Über die Subjektivität der Zeit

Zeit – ein Begriff, an dem sich Wissenschaft und Gesellschaft seit Jahrtausenden die Zähne ausbeißen. Niemand weiß, wieso die Zeit immer „vorwärts“ läuft, manchmal vergeht sie schnell, mal langsam, doch die Uhren ticken immer gleich schnell (wenn man mal von relativistischen Effekten absieht).

Hier soll es aber erst einmal um das Zeitempfinden gehen. Die meisten Menschen haben den Eindruck, die Zeit vergehe grundsätzlich immer schneller, sie beschleunige sich. Andererseits gibt es Phasen, in denen sich Sekunden zu Stunden zu dehnen scheinen, etwa dann, wenn wir auf etwas warten. Dann wieder sind wir überrascht, wie schnell doch die Zeit vergangen ist.

Wie schnell die Zeit zu vergehen scheint, hängt von der Qualität und der Quantität der Informationen ab, die wir während einer objektiven Zeitspanne wahrnehmen. Wenn wir warten, geschieht in der Regel – nach unserer Wahrnehmung – nicht allzu viel um uns herum, weil wir uns auf das Ereignis konzentrieren, das noch nicht eingetreten ist. Ähnliches geschieht bei der Konzentration auf langdauernde Ereignisse, etwa einen Sonnenuntergang. Wenn wir uns nicht auf etwas konzentrieren und viele Informationen auf uns einprasseln, scheint die Zeit schneller zu vergehen. Dies führt bisweilen zur Erschöpfung, obwohl wir kaum etwas aktiv oder produktiv getan haben. Dies ist auch der Grund, wieso Hektik und Multitasking niemals dazu führen, dass Dinge schneller und effizienter erledigt werden.

Der Schlüssel zu Effizienz und Effektivität liegt einzig und allein in der Konzentration auf eine Sache, und zwar auf die, die jetzt gerade zu tun ist. Die Priorisierung von Aufgaben muss dem natürlich vorangehen. Aber nun ist auch klar, weshalb elektronische Kommunikation ein Effizienz- und Effektivitätskiller sondergleichen ist: Wer permanent unterbrochen wird – z.B. von Emails, WhatsApp-Nachrichten etc. –, kann sich nicht konzentrieren, nicht über einer Sache bleiben, was zur Oberflächlichkeit, zum permanenten Neustart der Aufgabe und damit zur Vermeidung von deren Durchdringung führt. Die völlige und konstruktive Hingabe an eine Beschäftigung, wie wir sie bei spielenden Kindern erleben können, geht uns spätestens mit dem Erhalt des ersten Smartphones verloren.

Um den Wahnsinn unserer alltäglichen Aufgaben zu meistern, müssen wir also Konzentration wieder lernen. Es gibt tausende von Möglichkeiten: Meditationstechniken, autogenes Training, Achtsamkeit, Gebet etc. Dabei erwischt man sich jedoch häufig dabei, dass die Gedanken abschweifen. Das ist nicht weiter schlimm; man kann diesem die Konzentration störenden Phänomen jedoch begegnen. Probleme entwaffnet man, indem man sie sich zum Freund macht. Dinge, die um Himmels willen nicht vergessen werden dürfen, schreibt man sich noch auf (per Hand). Andere behandelt man wie Freunde: Sie merken, dass sie gerade stören, werden aber zuverlässig wiederkommen. Verlassen sie sich also darauf: Probleme, die Sie vergessen, werden sich schon selbst wieder in Erinnerung bringen.

Der entscheidende Haken an all diesen Konzentrationstechniken ist: man muss sie ausüben, denn nur durch das „Aus-Üben“ kann man sie „ein-üben“. Konzentration ist wirklich Übungssache. Das lateinische Wort „meditari“, von dem sich „Meditation“ ableitet, heißt zunächst ja auch nichts anderes als „üben“ bzw. „sich in etwas üben“. Dabei ist Geduld gefragt. Je nach Technik benötigt es mehrere Wochen bis wenige Monate, bis sich die ersten Früchte einstellen. Doch Sie werden bemerken, dass es sich lohnt, weil man gelassener und immuner gegen die auf einen einprasselnden Informationen, Anforderungen etc. wird.
Das Wort „Üben“ kennen übrigens Musiker in besonderem Maße. Hier heißt es im landläufigen Sinn, einen durch Notentext vorgegebenen mechanischen Vorgang so lange zu wiederholen, bis er quasi von selbst abläuft.

Als Musiker habe ich mich in den letzten Jahren sehr intensiv mit diesem Vorgang des Übens befasst. Dabei ist mir aufgefallen, dass das Zeitempfinden von Zuhörer und Musiker unterschiedlich „schnell“ ist. Das heißt, das objektiv selbe Tempo wird vom Interpreten als langsamer wahrgenommen als vom Zuhörer. Dies führt dazu, dass viele Stücke heute schneller gespielt werden, als es ihnen musikalisch zuträglich ist.

Woran liegt das? Der Interpret muss eine unglaubliche Fülle und Intensität von Informationen verarbeiten, bis das von ihm evozierte Klangereignis eintritt. Abgesehen vom Bewegungsablauf findet während des Übens – und der Aufführung! – ein ständiger Regelkreislauf statt, bei dem rationale, emotionale, motorische und auditive – mitunter auch synästhetische – Informationen abgerufen, vorbereitet und korrigiert werden. Das Klangereignis selbst ist letztlich nur ein müder Abklatsch all dessen, was in Körper und Geist eines Musikers stattfindet. Beim Zuhörer wird kaum jemals eine vergleichbare Fülle und Dichte von Informationen ausgelöst, weshalb in der Regel das gespielte Stück als „schneller“ empfunden wird – eine entlastende Botschaft für alle, die an ihren virtuosen Ansprüchen scheitern.
Doch zurück zum Üben. Üben gelingt am besten komplett OHNE Zeit. Was objektiv unmöglich erscheint, ist subjektiv weitgehend machbar. Jeder kennt Momente höchster Intensität, die sich unendlich zu dehnen scheinen. Gerade Verliebte kennen den annähernd zeitlosen Rausch, der sich beim gegenseitigen Liebkosen, Streicheln etc. einstellt. Hier scheint keine Zeit zu vergehen.

Wenn es gelingt, das Übetempo so weit zu reduzieren, dass höchstmögliches sich-Einlassen auf die Intensität des Momentes stattfinden kann, wenn sich in diesem endlosen Moment eine intensive Gefühlsbeziehung zu „erobernden“ Werk aufbauen kann, gewinnt das Üben ein Höchstmaß an Effektivität.
Wichtige Kriterien für das Erlernen einer Komposition sind die Faktoren Zeit und Intensität. Wer das Üben auf die permanente Wiederholung mechanischer Abläufe reduziert, wird sehr schnell seine Freude daran verlieren, weil das Gehirn ermüdet und keinen Sinn in der Tätigkeit sieht, somit versucht ist, sich nach Interessanterem umzusehen. Wer das Üben jedoch als eine Art Liebesakt begreift, von berauschender Emotionalität auf den Flügeln der Zeitlosigkeit getragen, macht aus dem Üben ein intensives multidimensionales Erleben. Etwas, was als so intensiv erlebt wird, wird vom Gehirn als ungeheuer relevant eingestuft und daher auch im Schlaf weiter bearbeitet. Die Folge ist nicht nur schnelles Erlernen eines Stückes, sondern auch die Verknüpfung angenehmen Erlebens mit diesem Werk. Die Reife eines Künstlers zeigt sich unter anderem darin, diese intensiven positiven Gefühle – zumindest bis zu einem gewissen Grad – zu nahezu jedem beliebigen Werk quasi „auf Kommando“ aufbauen zu können.

Nun ist es in der Tat so, dass man ein musikalisches Kunstwerk nicht im langsamen Übetempo konzertant vortragen kann, wenn man ihm gerecht werden will. Daher muss man es „ins Tempo bringen“, was wiederum Angst auslösen kann und Fehlerquellen birgt. Deswegen sollte man damit warten, bis man tatsächlich das Stück emotional sehr gut memoriert hat, und die Virtuosität des Körpers derweil mit anderen Stücken trainieren. Im Laufe des Übeprozesses „schrumpft“ allmählich das Stück vor dem inneren Auge, es gewinnt große Strukturen – man überblickt es. Jetzt kann man sich von den einzelnen Noten lösen, sie werden zu Notengruppen, diese werden zu Phrasen, Phrasen zu Abschnitten. Die Komposition erlebt eine zunehmende mentale Gleichzeitigkeit aller Klangereignisse – sie müssen nur noch „pro-duziert“ werden. Damit geht die Zeitlosigkeit, mit der das Üben begonnen hat, in eine andere Form von Zeitlosigkeit über: die subjektive Gleichzeitigkeit des Sukzessiven. Das Geübte wird im Inneren des Interpreten geradezu zu einer „Idee“ im platonischen Sinn, dessen Transzendente Existenz durch den Prozess des Musizierens – wir nennen es „Interpretation“ – in ein einmaliges, unwiederholbares Klangereignis, mithin in die Immanenz, transformiert. Somit haben Zuhörer in einem Konzert immer einen Anteil an der subjektiven Ewigkeit des Interpreten. Allein diese Erkenntnis sollte ausreichen, ideelle und auch materielle Ehrfurcht vor der Leistung von Musikern zu zeigen.

Montag, 16. Januar 2017 - 16:49 Uhr
Willkommen

Herzlich willkommen bei meinem neuen Blog. Hier wird es nicht täglich, aber häufig einige Gedanken zum obigen Themenkreis geben, die mich umtreiben oder beschäftigen. Im Laufe der Zeit wird sich daraus ein Bild meines Denkens ergeben, das viele anregend, andere aufregend finden oder sich darüber aufregen werden. Seit ich mich aus den sozialen Netzwerken weitgehend zurückgezogen habe wegen des teilweise unverschämten Umgangstones, wähle ich diesen Weg der zugegebenermaßen einseitigen Kommunikation.

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